
Meine liebe Oma hat Anfang November Geburtstag und sich dieses Jahr etwas ganz besonderes gewünscht: ein neues Medikamenten-Täschchen. Meine Schwester versicherte ihr gleich, dass ich ihr bestimmt ein schönes Täschchen nähen könnte und erzählte mir davon. Natürlich dachten wir beide dabei an ein typisches Schminktäschchen mit Reißverschluss, aber als ich das letzte Mal meine Oma besuchte und sie bat, mir zu zeigen, was sie sich so vorgestellt hatte, war ich doch etwas überrascht, was sie hervor zauberte.
Ein super schickes, stylisches, original retro Täschchen mit Clip-Verschluss. Oma erzählte mir zwar, dass sie das Täschchen vor gut 20 Jahren geschenkt bekommen hätte, vor 20 Jahren? Also Ende der 80er? Ich glaube, da kann man wohl locker noch 20 Jahre drauf legen, denn Stoff und Stil schreien gerade zu nach den 60ern oder 70ern;-)

Und die 30 bis 40 Jahre intensiven Gebrauchs sind an dem Täschchen natürlich nicht spurlos vorbeigegangen. Aber Oma hängt so sehr daran, da es einfach die "perfekte Größe für sämtliche Tablettenreiter" hätte und sie die Pappschächtelchen dann immer gleich wegschmeißen könnte. Das stimmt, denn das Täschchen ist durch den abgenähten Boden und die nach innen geklappten Seiten tatsächlich sehr geräumig. Na ja, und im Laufe der Zeit fing das wachstuchähnliche Futter an sich nach und nach aufzulösen und Oma hat erst hier und dort ein kleines Stückchen mit Hansaplast geflickt, bis das gute Stück inzwischen so aussieht:

Oh hab ich gelacht, als ich dieses Innenleben gesehen habe. Aber irgendwie kann ich sie ja auch verstehen. Ich kann mich auch immer nur schwer von heißgeliebten Sachen trennen und es ist doch auch egal, wie es von innen aussieht, Hauptsache es funktioniert und den emotionalen Wert, den dieses Täschchen für sie hat, kann man vermutlich mit Geld nicht aufrechnen. Aber leider hält auch diese Konstruktion inzwischen nicht mehr.
Ich habe ihr dann angeboten, ein Reißverschluss-Täschchen zu nähen, aber ich kenn ja meine Omi, es sollte natürlich genau dieses Täschchen in genau dieser Größe und mit genau diesem Verschluss sein, nur in neu;-) Versprechen wollte ich nichts, aber es gern probieren. Also habe ich mir zunächst sämtliche Maße notiert, viele Fotos gemacht und das Täschchen Stückchen für Stückchen auseinander genommen.

Zum Vorschein kamen uraltes Volumenvlies, das sich nur noch im unteren Teil des Täschchens befand und ein merkwürdiges, blaues Plastikschrägband, mit dem die obere Kante verstärkt worden ist. Ich hatte mich auch schon gefragt, was wohl das Blaue wäre, das man an den Seiten des Täschchens sehen konnte. Nicht wirklich schön, also wurde es zusammen mit dem Futter direkt entsorgt;-) Die Maße des Außenstoffes habe ich genau so übernommen und noch eine großzügige Nahtzugabe hinzugerechnet. Schwieriger war allerdings die Stoffauswahl. Ich benutze ja immer gern bunte und verspielte Stoffe, die Oma bestimmt auch gefallen würden, aber ich wollte das Täschchen gern so ähnlich wie möglich nacharbeiten. Also habe ich mich für den schönen dunkelbraunen Rosenstoff von Tilda entschieden. Der wird Oma bestimmt gefallen, da bin ich mir sicher.

Den Außenstoff habe ich zusätzlich mit Vlieseline und leichtem Volumenvlies verstärkt und statt Schrägband für die obere Kante Außenstoff und Futter direkt zusammengenäht, ewig lange ausgebügelt und abgesteppt, damit sich nichts verschiebt. Der genähte Teil war wirklich leicht, schwieriger war es jedoch, das Täschchen in den Bügelverschluss zu drücken. Oder besser gesagt unmöglich;-) Die Schlitze waren einfach viel zu schmal. Also mussten zunächst die Öffnungen mit einer spitzen Nadelschere Millimeter für Millimeter geweitet werden, bis ein Schraubenzieher hineinpasste, mit dem sich die Öffnung sehr gut auseinander drücken ließ. Neues Täschchen hineingedrückt und Verschluss mit einer gepolsterten Zange wieder fest verschlossen (friemelige Angelegenheit, für die man eine Menge Geduld braucht, bis es endlich klappt).
Und taaataaa, Omas Medikamenten-Täschchen erstrahlt in neuem Gewand:

Und durch das neue Volumenvlies kann es jetzt auch wieder stehen;-)
Auch beim Futter habe ich mich farblich sehr zurückgehalten, also keine Punkte, Blümchen, Streifen, Karos..., sondern ganz schlicht und elegant weiß, so wie bei dem Originaltäschchen.

Ach, ich bin ja so froh, dass es geklappt hat und der Bügelverschluss dabei nicht kaputt gegangen ist. Auf Omas Gesicht bin ich ja schon gespannt;-)
Und ich glaub, so ein tolles Täschchen brauche ich auch. Werde mich gleich auf die Suche nach Clip-Verschlüssen machen, denn praktische Täschchen kann man doch nie genug haben, oder?
Wundervoll!
AntwortenLöschenIch kann mir vorstellen das Du Deine Oma damit sehr, sehr glücklich und stolz machst.
Obwohl das Pflaster-Innenleben so herrlich trashig ist das es fast schon Kultcharakter hat :o))
GLG,
Melanie
Wow, das hast Du ja super hingekriegt!!! Da wird Deine Oma sicher überglücklich sein!
AntwortenLöschenIch wünsch Dir noch einen schönen Sonntag, Tanja
Das ist so ein schöner Bericht von dir über Omas Täschchen. Ich habe ganz fasziniert gelesen. Du hast es wunderbar restauriert. Schöner könnte man keins kaufen. Ich denke deine Oma wird glücklich sein.
AntwortenLöschenlg otti
Das war jetzt aber Spannung pur mit einem ganz tollen Happy End! Das Täschchen für deine Oma ist wunderschön geworden. Sie wird sich garantiert sehr drüber freuen!
AntwortenLöschenLiebe Grüße,
Birgit